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Autor, Sprecher: Kay Fischer - Ton, Regie: Suzanne Vogdt

 


Lese-/Hörprobe

 

                                                                 * * *


Das Meer war aufgewühlt wie ein übergroßes Gebirge. Grau und schwarz waren die Wellen,
die sich drohend auftürmten und immer größer zu werden schienen. An der Krone jeder Welle
brach das Wasser um und durchmischte sich mit Luft, so daß dort weißer Schaum sichtbar
wurde. Bedrohlich sah der Himmel aus. Tiefschwarze Wolken, schwärzer als schwarz, schoben
sich mahnend zu der Stadt, über der sich der Mond langsam vollends verdunkelte. Der Wind
blies stark. Die Fenster seines Leuchtturms knirschten wie eine dünne Eisdecke, auf der sich
schwere Füße bewegten. Dann sah er, daß seine Fenster mit vielen Regentropfen behaftet
waren. Die Tischlampe, die sich in der Scheibe spiegelte, brachte ihr Abbild durch die Regen-
tropfen auf dem Fensterglas wie eine Mondlandschaft zutage. Schwerer Regen trommelte
gegen die Scheiben, und der Lichtstrahl seines Turms ließ die Regenmassen deutlich werden.
Gleich einem Wasserfall, der sich aus großer Höhe ergießt, stürzte der Regen in das aufge-
wühlte Meer, dessen Wellen immer größer wurden ...

 
                                                                   * * *

 

Mr. Wellhorn stakste im kleinen U-Boot umher. Weit konnte er sich nicht bewegen, alles war
eng und vollgepackt. Überall befanden sich Rohre und Hebel, kreisförmige Meßgeräte, Ventile
und Handräder. An den Seiten klemmten schmale Sitzbänke, die mit Leder bespannt waren
und an ihren Senkrechten Türen hatten. Direkt vor dem Steuerrad war ebenfalls eine Sitzbank,
größer und auch höher. Hinter dem Steuerrad thronte eine Säule mit einer dicken Glaskugel.
In dieser Glaskugel glänzte ein Kompaß, der sich in einer Flüssigkeit wiegte. Unten, an den
Bodenplatten und direkt vor dem Steuerrad erkannte der Wärter einige Pedale, die aus Holz
bestanden und mit Messingkanten versehen waren. Etwa in Augen- höhe, links und rechts,
hingen große, uhrenartige Meßgeräte, deren Zeiger wie kleine, blecherne Wale aussahen.
An diesen Anzeigen blieb der Wärter mit seinem Blick hängen, weil er diese Wale erkannte
und sich erinnerte, daß die Mütze des Kapitäns auch einen solchen Wal zierte.

"Das sind die Tiefenmesser!" sagte Mr. Wellhorn.

"Aber da sind ja gar keine Zahlen drauf!" rief der Wärter und ging ganz dicht heran, weil er
dachte, daß die Zahlen auch sehr winzig sein könnten.

"Eben!" erwiderte Mr. Wellhorn. "Ich sagte ja, es ist egal! Wir können in alle Tiefen tauchen!"

Der Wärter stutze. Sollte das ein Scherz sein? "Was macht denn ein Tiefenmesser für einen
Sinn, wenn keine Zahlen drauf sind? Und wozu braucht man einen Anzeiger, wenn der nichts
anzeigen braucht? Noch dazu als Wal geformt?"

Mr. Wellhorn grinste: "Sehen Sie, es ist so, wie ich sagte, In Ihrem Kopf kreisen Gedanken
und Sorgen, deren Bedeutung nichtig ist!"

 
                                                                   * * *

 

Für einen Moment war Stille im Boot. Die Worte erdrückten das Gemüt des Wärters, zumal er
sich erinnerte, vor kurzer Zeit noch in einer ähnlichen Situation gewesen zu sein.

"Alle auf dieser Insel wollten sich umbringen", fuhr Mr. Wellhorn fort, "nur keiner traute sich!
Niemand wollte den ersten Schritt tun und verschob die 'letzte Tat' auf den nächsten Tag -
oder auf die nächste Nacht. Die Nächte waren besonders schlimm. Wenn die Dunkelheit sich
auf die Insel wie erdrückender Beton legte, waren viele in ihrer traurigsten Stunde und ver-
sammelten sich unverabredet auf dem großen Felsen, von dem sie sich herunterstürzen woll-
ten! Herunter auf weitere Steine, auf denen sie erschlagen würden! Manche von ihnen san-
gen düstere Lieder, andere schwiegen, bis sie die Kraft für den Sprung gefunden hatten. Es
sprangen wenige. Die meisten gingen lebenden Körpers die Wand hinunter und nahmen sich
ganz fest vor, der Nächste zu sein ... Morgen. Die nächste Nacht."

Der Wärter schwieg. Zwar brannten ihn Fragen, die er am liebsten sofort beantwortet haben
wollte, aber die Stimmung dieser Szene schnürte seine Kehle zu, und so konnte er kein Wort
herausbringen.

"Die Insel wurde immer voller, und Charlie war schon bald ein alt Eingesessener. Irgendwann
stellte er fest, daß er wahrscheinlich nie den Mut finden würde, seinen Entschluß Wirklichkeit
werden zu lassen. Mit jedem Tag zögerte er mehr. Mit jedem Tag aber sah er auch immer mehr
von diesen Selbstmordkandidaten, und das wiederum drückte seine ohnehin schon tief liegen-
de Stimmung. Irgendwann dann hatten sich einige um ihn 'gekümmert', sie sprachen
ihm Mut zu. Allerdings nicht den Mut zum Leben - sondern den Mut zum Sterben."

"Hören Sie auf, das ist ja nicht auszuhalten!" schrie der Wärter und wollte am liebsten gehen.

"Wollen Sie nun Antworten haben - oder nicht!?" Mr. Wellhorn stützte seine Fäuste an die Hüf-
ten.

"Ich ... ich will Antworten!" beschwichtigte der Wärter. "Erzählen Sie weiter, ich bin ganz still!"

"Charlie wurde immer trauriger und empfand das Leben als einen schwarzen See, in dessen
Tiefen, dort, wo es am dunkelsten ist, er hineingerissen werden wollte. Charlies Gemüt bekam
aber einen weiteren Knacks, als er erfuhr, daß er eine unheilbare Krankheit hatte. Eine Krank-
heit, die er von Anbeginn mit sich führte und die im Laufe seines Lebens immer schlimmer wur-
de. Wie gesagt: Sie war unheilbar! Charlie sah nun wirklich keinen Sinn mehr, sein Leben wei-
terzuführen, und so bestieg er eines Abends den besagten Felsen."


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