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Autor, Sprecher: Kay Fischer - Ton, Regie: Suzanne Vogdt

 

 

Lese-/Hörprobe

 

 

Vorwort

 

Jeden Tag, jede Stunde und vor allem, wenn jemand von uns gegangen ist, fühlen wir
ganz deutlich, daß unsere Zeit begrenzt ist. Dann, nach einiger Zeit, vergessen wir die-
sen Umstand, wir leben unseren Alltag und tun alles, um die Stunden entweder schnell
hinter uns zu bringen, oder wir versuchen, sie auszudehnen, etwas hinauszuzögern.
Natürlich ist das alles Augenwischerei. Nicht die Zeit, sondern unsere Wahrnehmung
und unsere Empfindung verändern wir — und genau an diesem Punkt stelle ich mir oft
die Frage: Welche Empfindung entspricht der realistischen Spanne zwischen Anfang
und Ende? Sicher keine einfache Frage. Natürlich, manch einer von Ihnen wird jetzt
den Kopf schütteln und diese Frage möglicherweise als überflüssig bezeichnen. Aber
das glaube ich Ihnen nicht. Sonst hätten Sie sich doch nicht dieses Buch zur Hand
genommen, wenn da nicht ein Funken von Verständnis und Interesse wäre.

Lebt ein Hamster kürzer als ein Elefant? Meinen Sie wirklich? Warum werden manche
Schildkröten über hundertdreißig Jahre alt? Warum fließt die Zeit vorwärts? Kann man
Zeit manipulieren? Was haben Inseln und Ruinen mit Zeit gemeinsam? Und was ist eine
Datumsgrenze?


Dieses Buch enthält fünfundzwanzig belletristische Kapitel, die eine Vielzahl von Mög-
lichkeiten bieten, ein Gefühl für Zeit und Vergänglichkeit zu bekommen. Nun könnte
man meinen, daß dazu eigentlich alles schon einmal erzählt und aufgeschrieben wurde,
daß es gerade zu diesem Thema ein reichliches Angebot gibt. Aber das ist ein Irrtum.
Da die Zeit ständig weiterfließt und damit Weiterentwicklungen einhergehen, entdecken 
wir immer wieder etwas Neues, worüber noch niemand berichtet hat, und so dürfen wir
gespannt unserer Zukunft entgegensehen.
Die Geschichten in diesem Buch sind ein bißchen anders als die Storys, die Sie vermut-
lich bisher gelesen haben. Sie sind unterschiedlich lang, werden aus verschiedenen
Blickwinkeln erzählt, jede Geschichte steht für sich allein und bildet trotzdem mit den
anderen ein dichtes Netz rund um das Thema Zeit. Sicher ist das ganze ein schwieriges
Projekt. Das Thema ist derart kompliziert und vielseitig, daß es schwer auf ein paar Buch-
seiten paßt. Es ist darüber hinaus keineswegs nur ein trauriger, sondern auch ein span-
nender, interessanter und zuweilen lustiger Stoff. Schließlich soll diese Lektüre unterhal-
ten, aufklären, nicht zu einfach, aber auch nicht zu schwierig sein.


Naturgemäß haben alle Menschen irgendwann einen Punkt erreicht, an dem sie gut und
gerne etwas über ihr Leben und ihre Erfahrungen, eben über ihre vergangene Zeit erzäh-
len können. Das Leben bietet unzählige Beispiele. Oft liest man von dramatischen Erleb-
nissen in lebensbedrohlichen Situationen, von Zufällen oder auch von dahinplätschern-
den Jahren zusammenlebender Generationen. Sollte ich eines Tages sehr alt sein und
einen weißen Rauschebart tragen, werde ich vermutlich die eine oder andere Geschichte
ganz anders bewerten und mich fragen, ob ich das Buch später hätte schreiben sollen.
Das ist vermutlich unvermeidbar und wohl auch ein Geheimnis der Zeit. Es gibt immer
wieder neue Erkenntnisse, die Sichtweisen ändern sich und es scheint offenbar ein Na-
turgesetz zu sein, daß wir mit unserem sehr leistungsfähigen Gehirn paradoxerweise
an die engen Grenzen unseres Verstandes stoßen und uns somit oft im Kreis bewegen.
Der Mensch, der aus heutiger Sicht erst in den letzten Atemzügen der Erdgeschichte
geboren wurde, erfindet zwar immer wieder Verblüffendes, und im Rückblick wird klar,
daß sich tatsächlich vieles verändert hat und vermutlich noch verändern wird, doch
bleibt einiges einfach unerklärbar.

Haben Sie eigentlich während dieser Zeilen auf die Uhr geschaut? Nein? Ein guter An-
fang ...
Viel Spaß beim Lesen!
 

 

Kay Fischer



 

PS: Die im Buch mit eigenen Worten frei wiedergegebene Episode "... ich habe dich ge-
tragen" lehnt sich nach aktuellem Stand an ein Gedicht von Margaret Fishback-Powers
an.
Zum Veröffentlichungszeitpunkt von "Zeit im Sand" war die Urheberschaft jedoch un-
geklärt / unbekannt bzw. wurde der Inhalt als freies Volksgut, das von mehreren Gene-
rationen mündlich weitervermittelt wurde, verstanden.