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Autor, Sprecher: Kay Fischer - Ton, Regie: Suzanne Vogdt

 


Lese-/Hörprobe


 

Als sie ihre Bleibe erreicht hatten und Mr. Robin vom Elefanten herabgestiegen
war, trabte das Tier sofort zur Trinkwassertonne. Geräuschstark sog Tumbo das
gesammelte Regenwasser auf. Mr. Robin ging sofort zu dem Gestrandeten, der
noch immer draußen auf der Bank saß und wie hypnotisiert auf den Zettel starrte.

"Na, haben Sie etwas aufgeschrieben?" kündigte sich Mr. Robin an.
Der Fremde schaute zu Mr. Robin. "Sehen ... Sie!" erwiderte er.
Mr. Robin schaute auf den Zettel. Aber es waren keine Worte zu erkennen, son-
dern nur Striche.
"Was ist das?" fragte er.
"Ein ... Bild!" gab der Fremde zurück.
Mr. Robin versuchte, der einfallslosen Antwort mit Humor zu begegnen: "Ja, richtig,
wie konnte ich nur fragen?"

Dann nahm er das Papier und hielt es gegen das Licht, weil er dachte, es könnten
geheime Schriften zu sehen sein. Aber dem war nicht so. Alle Linien prägten sich
deutlich ins Papier ein und es gab nichts anderes als diese gezeichneten Züge.

"Sie haben einen Kreis gemalt, durch den ein waagerechter Strich verläuft." stellte
Mr. Robin fest.
"Genau."
"Ich frage mich, was Sie mir damit sagen wollen."

Der Fremde gab keine Antwort.

"Also überlegen wir mal", grübelte Mr. Robin, "der Kreis könnte die Sonne sein, der
Strich ist das Meer. Da wir zwei Halbkreise haben, ist der obere die Sonne und der
untere deren Spiegelung im Wasser. Jetzt könnte man fragen, ob es sich um einen
Sonnenauf-oder untergang handelt. Hmm - vielleicht wollen Sie mir damit sagen,
daß Ihr Schiffsunglück abends geschah und Sie in der Nacht im Rettungsboot aus-
harrten? Sie können ja nur ein Schiffsunglück erlebt haben, sonst wären Sie nicht
im Rettungsboot gewesen. Man besteigt schließlich nicht freiwillig so eine Nußschale
und rudert damit über den Ozean."

Der Fremde gab weder eine Antwort noch ein Zeichen.

"Vielleicht möchten Sie damit ausdrücken,daß Sie zwei halbe Seelen in der Brust
haben? Gewissermaßen haben Sie ja ein Durchmesserzeichen gemalt. Vielleicht
sind Sie ja dabei, Ihr Leben neu zu gestalten, weil Sie die Hälfte Ihrer theoreti-
schen Lebenserwartung erreicht haben ... oder weil Sie meinen, bisher nur ein
Durchschnittsleben geführt zu haben?"

Der Fremde zeigte keine Regung.

"Verdammt noch mal, wie soll ich Ihnen helfen?!" schrie Mr. Robin den Mann an.
"Ich habe Sie aus dem Rettungsboot gezogen und hierher gebracht, ich gab Ih-
nen zu Essen und ein Dach überm Kopf! Alles, was Sie mir dafür zurückgeben, ist
ein 'ich weiß nicht' und ein nichtssagendes Bild! Wissen Sie was? Ich brauche Sie
nicht!
Von mir aus können Sie wieder in Ihr Holzwrack verschwinden und dort verfaulen!  
Ich bin auch ohne Sie glücklich auf der Insel, alleine mit Tumbo!"
Mr. Robin stampfte in die Hütte und holte einen Obstkorb. "Hier! Essen Sie! Gibt
Nervennahrung!"

Mit versteinerter Miene griff der Fremde in den Korb und verspeiste einige Früchte.
Schmatzend genoß er sie und blickte dabei auf den Boden.

"Es ... es tut mir ... leid!" ließ er während des Kauens verlauten. "Ich erinnere mich ...
an nichts mehr. Ich ... weiß nicht, wie ich heiße... ich weiß nicht, wie alt ich bin ...
und ich weiß verflucht noch mal nicht... wie ich auf diese Insel ... gekommen bin."
Dann hielt er inne und fügte noch hinzu: "Alles, was mir ... in den Sinn kommt... ist
diese ... Zeichnung. Es tut mir ... leid!"

Mr. Robin setzte sich zu dem Mann hin. Für eine Weile verharrte er, versuchte dann,
sich zu lockern, dabei atmete er tief durch.

"Ist schon gut", beschwichtigte er nach seiner inneren Einkehr, "wir machen es so:
Ich beruhige mich und Sie entspannen sich! Sie können so lange bleiben, wie Sie
wollen. Nur ein paar wenige Bitten habe ich: Gehen Sie nicht alleine weg, reden Sie
mit mir und wenn Ihnen irgend etwas einfällt, schreiben Sie es auf oder zeichnen
meinethalben etwas. Aber ich muß es auch verstehen können! Wenn ich Ihnen
helfen soll, müssen wir uns austauschen!"

Der Fremde nickte und schaute Mr. Robin mit dankbarem Blick an. Dann bekamen
seine Augen den Glanz der Rührung.

"Und solange Sie Ihren Namen nicht wissen, werde ich einen für Sie aussuchen",
fuhr Mr. Robin fort und fügte noch hinzu: "Vielleicht haben Sie einen Namens-
wunsch?"

Der Fremde war sich unschlüssig. Was für einen Namen sollte er sich auch geben?
'Mr.-Ich-Weiß-Nicht' vielleicht? Er öffnete seine Hände und versuchte damit anzu-
deuten, daß er einen neuen Namen akzeptieren würde.

"Also gut. mal überlegen ... hmm ... Sie sind jemand Neues auf der Insel ... und Sie
sind ein Mann ... hmm ... also ... hmm ... wissen Sie was? Ich nenne Sie 'Mr. New-
man'! Sind Sie einverstanden?"

Der Fremde nickte. Dann wiederholte er seinen neuen Namen ganz langsam, ließ ihn
geradezu auf seiner Zunge zergehen und versuchte, zu lächeln.

"Willkommen, Mr. Newman!" sagte der Elefantenmann und reichte ihm die Hand.
Mr. Newman erwiderte diese, beide besiegelten somit ihre Verbundenheit, und es
war Tumbo, der hinzukam und seinen Rüssel auf die ineinandergefalteten Hände
legte.


                                                                * * *

 

"Schauen Sie sich das Tier an. Es ist groß, aber fast lautlos. Es kann gefährlich sein,
aber es frißt nur Pflanzen. Es ist schwer, läuft aber weich wie auf einem Pudding. Es
könnte alles niederwalzen, liebt aber den Frieden, braucht sogar Zärtlichkeiten.  Die
Natur ist voller Gegensätze. Und trotzdem oder gerade deshalb hat alles seinen Sinn.
Das gilt nicht nur für Elefanten! Das gilt auch für uns!"

Mr. Newman stand auf und ging ein paar Schritte umher. Er kratzte sich am Kopf,
manchmal verschränkte er aber auch die Arme hinter den Rücken. Ihn ihm schien es
heftig zu arbeiten.
Dann ging er zum Spülsaum und schaute aufs Meer. Er tat dies lange, obwohl er sich
ja sonst dabei unwohl fühlte. Diesmal aber schien ihm dieser Anblick nichts auszuma-
chen. Dann holte er tief Luft und fragte: "Warum ... erzählen Sie mir ... das alles?"


Mr. Robin stand auf und ging zu Mr. Newman. Nebeneinander standen sie am Spül-
saum, dabei umschmeichelte sie eine zarte Welle. Tumbo watete durch das Wasser,
ging aber nur bis zu den Knien hinein. Möglicherweise wäre er tiefer hineingegangen,
wenn seine Freunde, die Pinguine, dabeigewesen wären. Aber von ihnen fehlte jede
Spur, vermutlich warteten sie am Strand nahe der Hütte auf ihn.
"Damit Sie sich erinnern! Werden Sie sich Ihrer Selbst bewußt!", gab Mr. Robin zur
Antwort. "Ich kann es nicht oft genug sagen: Werden Sie ein Elefant!"

                                                                   * * *